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Sonntag, 2.12.2018 // Braten mit System

Liebe Lotte,

kennst du diesen Drang, kotzen zu müssen, weil die Welt so unfair ist? Kennst du diese Situationen, in denen du Elend beobachtest und es so offensichtlich menschlichen Hirnfürzen entsprungen ist, dass du brüllen willst: Wer ist denn in diesem Scheißladen verantwortlich? Und dann merkst du, dass es niemanden gibt?

Vor kurzem habe ich das mal wieder erlebt. Die Situation war so: In der Unimensa kann eine Frau an der Kasse ihr Essen nicht bezahlen – ein Teller mit einem Stück Braten, Soße und dampfendem Kartoffelbrei. Sie sieht hungrig aus, etwas wirr. Als sie den Preis – 5,60 Euro ohne Studirabatt – des Gerichts hört, schüttelt sie den Kopf, lässt den Teller stehen und geht schnell. Die Kassiererin murmelt „Ach, ich hasse sowas“, verdreht die Augen, nimmt das Tablett und stellt es inklusive Braten auf das Fließband, auf dem sonst das dreckige Geschirr zurück in die Küche fährt.

Ich verstehe zu spät, was da grade passiert ist – schaffe weder, die Frau einzuholen, noch schaffe ich es, zum Fließband zu sprinten und den Braten vor der Tonne zu bewahren. Ich denke: Shit. Blicke von der Kassiererin zu der Stelle, wo gerade noch die Frau stand, zur Tür, durch die sie verschwunden ist und dann zurück zum Fließband, auf dem das Tablett nicht mehr zu sehen ist. Meine Freundin L., die hinter mir steht, sagt nur: „Wenn einem in 30 Sekunden der Kern dieses Scheißsystems vorgeführt wird…“.

Und sie hat Recht. Der Braten, in einem Moment mit einem Wert versehen und dann, in Sekundenschnelle, auf dem Weg in den Müll? Zu „wert-voll“, um ihn zu verschenken? Einen hungrigen Magen zu füllen zu teuer – aber „wert-los“, ab der Sekunde, ab der er auf dem Fließband gen Küche schippert? Wieviel Willkür kann ein Braten ertragen?

Wir wissen, dass Menschen verhungern, hier und in den Regionen der Welt, die für die Dekadenz anderer Länder brutal ausgebeutet werden. Und trotzdem kaufen wir billigen Kaffee und Tee und Fleisch und Klamotten und Smartphones und schmeißen dann alles wieder weg. Und glauben ernsthaft, das wäre unser Recht oder irgendwie okay und tun so, als hätte das keinen Effekt auf andere. Wo ist denn diese verdammte unsichtbare Hand, die das alles regeln soll? Wo ist sie bitte, wenn man sie braucht?

Ich glaube, das Problem sieht so aus: Wir alle tragen Widersprüche in uns. Wir sind Arbeitnehmerinnen, Konsumenten, Ausgebeutete und Ausbeutende gleichzeitig. Kann die Kassiererin das Essen einfach verschenken? Riskiert sie damit ihre Beschäftigung? Wie füttert sie dann ihre Familie durch? Und wie ist das bei ihrem Chef? Kann der nicht sagen, ja, in solchen Fällen könnt ihr mal ein Auge zudrücken? Wird er dann noch ernst genommen als Autorität? Oder ist er dann zu weich, zu irrational und riskiert womöglich auch er seine Stelle? Der Soziologe Claus Offe nennt sowas „horizontale“ soziale Ungleichheit. Die Ungleichheit läuft nicht mehr einfach (wie in der Klassengesellschaft) zwischen einer oberen und einer unteren Klasse, sondern durch die Einzelnen mittendurch, paff!

In der Hinsicht stehen wir alle unter dem gleichen Joch. Nicht, dass es für alle dasselbe bedeuten würde. Aber kämpfen tun wir alle, wir sollen „rational“ sein, alles „erstmal durchdenken“ und „bloß nichts riskieren“. Aber was, wenn wir mal irrational sein wollen? Was, wenn wir gut daran täten, mal nicht konform und erwartungsgemäß zu reagieren?

Ich glaube – tadaaa! – diese Widersprüche haben auch mit Geschlechterverhältnissen zu tun. Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer schreibt über die Spaltung von Rationalität und Gefühlen. Dabei, sagt sie, ist Ersteres männlich codiert, Zweiteres weiblich. Sauer sagt, dass die Trennung und die Hierarchie zwischen zwei ausgemachten Geschlechtern dazu führen, dass Emotionen, Geschlecht und Sexualität in der Politik ausgeklammert werden. (Herablassende und sexualisierte Bemerkungen eines Typen wie Donald Trump verstehe ich hier nicht als das Einbeziehen von Sexualität in Politik). Das heißt also: Im allgemeinen Verständnis ist Politik dann richtig und „gut“, wenn sie rational ist, vernünftig und kalkulierend. Typisch „männlich“ also. Ich denke aber, dieser Blick trifft noch auf mehr Bereiche zu.

Ich finde, wir sollten Emotionen als Teil des Politischen, Gesellschaftlichen und Wirtschaftlichen erkennen. Manchmal sind Gefühle ziemlich rational und (Achtung, Ironie!) manchmal sogar „männlich“. Und das ist gut so. Wir sollten Emotionen in Entscheidungen einbeziehen. Mit wir meine ich ganz bescheiden: Alle. Und mit Entscheidungen in diesem Fall: vor allem ökonomische.

Mir schwirren noch tausend Fragen durch den Kopf. Wenn unklar ist, wer wofür verantwortlich ist, gegen wen oder was sollen wir dann kämpfen? Wie sollen wir kämpfen, wenn wir selbst Teil der Ausbeutungsmaschine sind und ausgebeutet zugleich? Wenn die Widersprüche in uns durch das System verursacht werden, das auf Wachstum setzt, statt auf Versorgung und das Wert-Schöpfung einem guten Leben für Alle vorzieht? Und wenn diese Widersprüche auszuhalten bedeutet, das System weiterzutragen? Wenn der Verantwortliche schlicht „Kapitalismus“ heißt, wie erkennen wir ihn denn, wenn er vor uns steht?

Ich glaube, wir erkennen ihn in solchen Situationen. Wenn so ein Unwohlsein im Bauch aufsteigt – das manchmal dumpfe und manchmal sehr klare Gefühl, dass hier was falsch läuft. Deshalb ein Reminder. Wenn das nächste Mal dieses Kotzgefühl aufkommt: Rauslassen. Nicht wörtlich (obwohl das auch gut sein kann), aber vielleicht mit Worten, im lauten Benennen der konkreten Situation, im Auffordern an die Umherstehenden, im eigenen Einspringen.

Es gibt für gewisse Probleme Verantwortliche. Und die sollen mal schleunigst strukturelle Lösungen umsetzen. Aber manche Schieflagen funktionieren auch nur durch alle, die sie jeden Tag aushalten und mittragen.

Ich will nicht sagen, mit ein paar Emotionen wären wir alle Sorgen los, liebe Lotte, ich bin sogar ziemlich sicher, dass das nicht so ist. Aber ich glaube, Irrationales zuzulassen, werde ich in dieser Woche mal üben.

 

Deine Mara

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