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Sonntag, 16.2.20 // Wo sind deine Rächer, Moni?

Liebe Lotte,

am Freitag haben in Berlin und Leipzig Demonstrationen zu den Vorfällen von Voyeurismus und sexualisierter digitaler Gewalt stattgefunden, die Anfang des Jahres an die Öffentlichkeit kamen. Zuerst wurde bekannt, dass ein Mann auf dem Festival Monis Rache in zwei Jahren heimlich eine Kamera in einem Dixie-Klo installiert hat und die Videos der als Frauen* lesbaren Personen auf einer Pornoseite hochgeladen und verkauft hat. Kurz darauf veröffentlichten auch die Organisator:innen der Fusion ein Statement, in dem sie von weiteren Videos aus den Duschen des Bachstelzen-Floors berichteten.

Als Reaktion gab es viel berechtigte Empörung. Dazu hat die Crew von Monis Rache selbst beigetragen: Die ersten beiden Statements, die eher den Titel „schlechter Witz“ tragen sollten (1) (2), in denen sie sich zu den Vorfällen äußerten, ließen mich fassungslos. Keine Solidarität mit Betroffenen, keine Hinweise auf Anlaufstellen für jene, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, die aus mehreren Gründen neu und bemerkenswert ist. Einerseits die Demütigung des Vorfalls an sich. Andererseits die Tatsache, dass diese Aufnahmen an einem Ort gemacht wurden, an dem man sich sicher geglaubt hat. An einem Ort, der für die Tage des Festivals den Anspruch einer zur kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft alternativen Welt formuliert, in der nicht nur Hierarchien, Autoritäten und Leistung, sondern auch Sexismus keinen Platz haben sollen. Aber gerade Letzteres leisten diese Orte offensichtlich nicht.

Auch wir haben bereits in Gesprächen und du in einem Brief deine Emotionen zu den Ereignissen sortiert und verarbeitet. Ich habe mit verschiedenen Frauen* unseren gemeinsamen Schock durch den Austausch von Informationen und Handlungsoptionen versucht zu verdauen. Oft war das Nichtwissen um die eigene Betroffenheit verunsichernd. Aber besonders schmerzhaft war die Desillusionierung, die damit einherging. Natürlich ist kein Raum frei von Arschlöchern oder Menschen, die einen Fetisch nicht kanalisieren können, ohne andere dabei zu verletzen. Dass aber vermeintlich linke, solidarische Räume sich so unfähig und unerfahren darin gezeigt haben, mit derartigen Vorfällen umzugehen, und sich gar selbst als Opfer der Situation darstellen und den Täter im Zweifel noch schützen, das war neben den eigentlichen Taten das wirklich Ernüchternde.

Du hast gesagt, dass du schockiert sein möchtest. Das finde ich richtig. Empörung ist angebracht und wichtig. Die Vorfälle haben uns des-illusioniert. Eine Illusion genommen. Und das ist gut. Eine Illusion zu leben ist gefährlich. Unser Wissen darüber, dass es diese Vorfälle gab, das Wissen, das wir uns jetzt in Gesprächen mit Betroffenen und Freund:innen erarbeiten, das Wissen und die daraus folgende Wut helfen uns, die Strukturen, die diese Illusion ermöglichen, anzugreifen und umzubauen.

Inzwischen hört man, wenn man möchte, auch die Betroffenen. Sie haben demonstriert, Interviews gegeben und vernetzen sich. Einige haben Strafanzeige erstattet, viele der Videos wurden gelöscht. Auch der Crew von Monis Rache sind ihre Fehler im Umgang mit der Sache scheinbar klar geworden. Zumindest gibt es ein neues Statement, das eher den Titel „Herausgeberband“ tragen müsste, so umfassend ist es. Neben einer Schilderung der Sachlage, des Tathergangs und der Nennung ihrer Maßnahmen schlagen sie nun auch Beratungsstellen vor und entschuldigen sich rund 4000 Mal für ihr Verhalten. Aber das reicht nicht. Es ist ein bisschen wie mit Pfefferspray. Es hilft, eins in der Tasche zu haben, wenn frau bei Dunkelheit ein unsicheres Gefühl auf dem Nachhauseweg hat. Aber es behebt das Problem nicht.

Selbst wenn es Typen gibt, die sich durch Worte und Taten solidarisch zeigen, frage mich trotzdem: wo seid ihr in dieser Sache, (linke) Cis-Männer? Die Desillusionierung hat wehgetan, aber sie bringt Frauen* und alle potenziell Betroffenen patriarchaler Gewalt zurzeit voran. Und ihr? Hört auf so zu tun, als wärt ihr frei von Sexismus, nur weil ihr mal was von Gendersternchen gehört habt oder Schwangerschaftsabbrüche legalisieren wollt.

Fragt eure Freund:innen! Fragt die, zu denen ihr Vertrauen habt, ob sie über derlei Erfahrungen sprechen wollen – egal ob sie von den aktuellen Vorfällen betroffen sind oder nicht. Jede Frau* kann ein Lied von sexualisierter Gewalt singen, das verspreche ich. Fragt sie, was sie sich in Anbetracht der Vorfälle und generell wünschen, fragt sie, welche Konsequenzen es auch im Privaten geben soll. Respektiert es, wenn sie nicht darüber sprechen wollen – aber hört zu, wenn sie euer Interesse als Gesprächsangebot annehmen. Sprecht auch mit euren männlichen Freunden*. Überlegt euch, welche Positionen ihr in sozialen und romantischen Beziehungen einnehmt und reflektiert euer Verhalten. Bietet euren Support an. Und hört euch an, wie der aussehen muss.

Es muss geschützte Räume geben, in denen sich Betroffene austauschen, zu denen Cis-Männer keinen Zugang haben. Auch die FLINT*-only Demos sind wichtig, weil es der Wunsch der potenziell Betroffenen ist. Doch dieser Moment könnte eben auch eine auf dem Silbertablett servierte Chance für potenzielle Täter* sein. Also greift zu!

Deine Mara

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